läuft
Kleve

Eberhard Havekost – Benutzeroberflächen. Arbeiten 1995–2019

Der »Maler und Denker« Eberhard Havekost (1967–2019) zählte zu den großen Hoffnungen der deutschen Gegenwartskunst und war seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts durch Ausstellungen und Ankäufe auch international im Fokus des Interesses öffentlicher Museen und renommierter Privatsammlungen. Seine Bildsprache verband in singulärer Weise die präzise Darstellung der sichtbaren Welt mit den Konditionen der Wahrnehmung selbst, insbesondere mit den digitalen »Benutzeroberflächen« von Smartphones, Tablets und Bildbearbeitungsprogrammen. Dadurch wirken seine Arbeiten immer cool und überaus zeitgemäß, zugleich aber eignet ihnen eine visuelle Rätselhaftigkeit: durch Ausschnitte, Fokussierungen und gezielte »Blow-Up-Effekte« irritieren sie vorschnelle Erwartungshaltungen und wirken mitunter wie malerische Tiefenbohrungen hinter den Fassaden der Digitalmoderne. Ausgebildet Mitte der 1990er Jahre an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, in Berlin und auf Reisen lebend, schließlich seit 2010 bis zu seinem frühen Tod als Professor lehrend an der Kunstakademie Düsseldorf, verband Havekost östliche und westliche Prägungen in souveräner Weise. Die Retrospektive im Museum Kurhaus Kleve versteht sich als erste große posthume Museumsschau, die das Oeuvre des innovativen Bildforschers in signifikanten Werkreihen einem hiesigen Publikum vertraut machen und seinen Rang innerhalb der jüngsten Kunstgeschichte durch Ausstellung, Publikation und Gesprächsreihen unterstreichen möchte.

 

Die Ausstellung gliedert sich in drei größere Hauptbereiche, die zum einen den chronologisch-biografischen Etappen des Künstlers entsprechen, zum anderen die bildstrategischen Entwicklungen innerhalb des Oeuvres nachvollziehbar machen. Das sind:

 

 

Prägungen im Umfeld der Hochschule für Bildende Künste Dresden 1995–2000

 

Nach den epochalen Umbrüchen im Zuge des Mauerfalls, einer abgeschlossenen Lehre als Steinmetz und kultigen Auftritten als DJ in Frankfurt am Main fand Havekost Mitte der 1990er Jahre in seiner Geburtsstadt Dresden ein produktives Klima der künstlerischen Standortbefragung vor, das sowohl die unterschiedlichen Paradigmen der Ost- und Westkunst betraf als auch grundsätzliche Überlegungen zur Gegenwartstauglichkeit der Malerei. Angeregt durch Person und Werk seines Lehrers Ralf Kerbach und in fruchtbarem Austausch mit seinen damaligen Kommilitonen Thomas Scheibitz und Frank Nitsche, die eine Zeitlang zu dritt unter dem Label Dresden Pop firmierten, entwickelte Havekost seine bildkritischen Reflexionen, die Alltagsgegenstände, Fotos, Magazine, Häuserfassaden und Fernsehbilder zu präzisen Sequenzen verarbeiteten. Damit begab er sich nolens volens in die Nachfolge des Kapitalistischen Realismus etwa von Gerhard Richter und fand zugleich eine ganz eigenständige Form der Ausschnitthaftigkeit von Sujets und Motivüberlagerungen.

 

 

Aufbruchsmetropole Berlin und expansive Welterfahrung 2000–2010

 

Wie ganz viele andere Künstler auch war Havekost während der sogenannten Nullerjahre von der Dynamik und den offenen Handlungsräumen Berlins fasziniert und fand in den ehemaligen Industriehallen Am Flutgraben ideale Atelierbedingungen vor. Durch den rasant einsetzenden kunstinternen und kommerziellen Erfolg wechselten Ausstellungen in internationalen Institutionen mit erfahrungsoffenen Reisen durch Europa, Asien und Nordamerika und zeitigten einen intensiven Weltzuwachs, der trotz des enormen Tempos und des steigenden Produktionsdrucks nicht zu flüchtigen, sondern im Gegenteil zu immer komplexeren Bildräumen führte. Insbesondere die veränderten Wahrnehmungen durch digitale Medien wurden nun thematisiert und erzeugten durch Einschübe, Barrieren, fensterartige Staffelungen und abstrahierende Schnitte ein Höchstmaß an bildinterner Reflexion.

 

 

Professur im Rheinland, globale Netzwerke, Blue-Chip-Artist? 2010–2019

 

Die Berufung Eberhard Havekosts an die renommierte Kunstakademie in Düsseldorf galt im nach wie vor westlich dominierten Kunstbetrieb durchaus als Sensation, verdeutlichte aber nun auch öffentlichkeitsrelevant die besondere Qualität seiner Arbeit, wie sie – mit vergleichbarem Herkunftshintergrund – nur noch bei Neo Rauch, Thomas Scheibitz oder Olaf Nicolai wahrgenommen wurde. Trotz wachsender Verpflichtungen und Nachfragen, etwa durch den erfolgreichen Einstieg in den transatlantischen Kunstmarkt, gelang Havekost eine konsequente Weiterentwicklung seiner Bildsprache und seiner schwer benennbaren Sujets. Urbane Randzonen, anonyme Figuren in Kapuzenpullis und Masken, Techno-Beats und exzessive Momente fanden dabei ebenso zur Darstellung wie nichtnarrative Oberflächen und Einschübe. Im Referenzgewebe zwischen eigenen Smartphone-Fotos, digitalen Bearbeitungen und wie gefroren wirkender malerischer Umsetzung entstanden so hybride Bildzeichen, die sich der sprachlichen Festlegung bewusst entziehen und vielleicht gerade deshalb eine visuelle Intensität entfalten, die in der Malerei des 21. Jahrhunderts nicht oft anzutreffen ist.

 

Idealerweise wird die Ausstellung circa 100 Arbeiten versammeln, wobei zu betonen ist, dass viele Werke als Serien konzipiert sind und auch als solche – möglichst vollständig – gezeigt werden sollen. Begleitet wird die Ausstellung durch eine anspruchsvolle Publikation im Hirmer-Verlag, circa 200 Seiten, mit Texten u.a. von Oliver Zybok, Florian Illies und Tim Sommer sowie einer Einleitung von Harald Kunde, in deutscher und englischer Sprache.

Diese Ausstellung endet in
115
Tage
20
Std
48
Min
43
Sek
Termine
Start14.06.2026
Ende18.10.2026
Öffnungszeiten
Montaggeschlossen
Dienstag11:00–17:00
Mittwoch11:00–17:00
Donnerstag11:00–17:00
Freitag11:00–17:00
Samstag11:00–17:00
Sonntag11:00–17:00
Veranstaltungsort
Museum Kurhaus KleveTiergartenstraße 41, 47533 Kleve

Das Museum Kurhaus Kleve wurde nach beinahe zehnjähriger Planungs- und fünfjähriger Bauzeit 1997 eröffnet. Sein heutiges Aussehen verliehen ihm, in effektiver Zusammenarbeit und sorgsamen Umgang mit dem historischen Kern, der niederländische Typograph und Entwerfer Prof. Walter Nikkels und der Architekt Heinz Wrede. Innerhalb der klassizistischen und wilhelminischen Mauern konnte ein meisterliches Zusammenspiel der denkmalwürdigen Bausubstanz mit neuer Architektur erzielt werden. Die Sammlungstradition der ehemaligen Herzogstadt Kleve reicht bis in das 16. Jahrhundert zurück. Unter Herzog Wilhelm dem Reichen (1539–1592) wurden auf der Klever Burg erstmals römische Altertümer, meist Funde aus der Region, zusammengeführt. Eine wirkliche Sammlung trug Kleves brandenburgischer Statthalter Johann Moritz von Nassau-Siegen im 17. Jahrhundert zusammen. Auf der Burg versammelte er römische Kleinkunst, und im Neuen Tiergarten richtete er ein Freilicht-Antiquarium römischer Altertümer ein. Dies verlegte er 1678 in das Halbrund seines Grabmals in Bergendael, südöstlich von Kleve. Fast hundert Jahre konnten Interessenten hier so berühmte Objekte wie der Marcus-Caelius-Stein bewundern. Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Sammlung von Kammerpräsident Julius Ernst von Buggenhagen auf die Burg überführt und hier mit den klevischen Altertümern, die auf der Burg erhalten waren, im sog. Antiquitätensaal zusammengeführt. 1795 erschien in Berlin sogar ein offizieller Bestandskatalog des Museums. Im frühen 19. Jahrhundert wurde das Museum aufgelöst, als die kostbarsten Stücke von Kleve nach Bonn überführt wurden, um dort den Grundstock des späteren Rheinischen Landesmuseums zu bilden. 1865 beschloss der Rat der Stadt Kleve, ein neues Museum zu gründen, das – dem Zeitgeschmack entsprechend – vor allem römischen Altertümern gewidmet war und in einem Saal im Klever Rathauses eingerichtet wurde. Nach mehreren Standortwechseln, unter anderem auf die Burg, wurde 1935 das »Museum« in der ehemaligen Landwirtschaftsschule an der Linde eröffnet. 1944/45 ging dieses Museum bei den Luftangriffen auf Kleve unter. Von der Sammlung blieben nur einige wenige Stücke erhalten. 1960 wurde im ehemaligen Wohnhaus des niederländischen Malers Barend Cornelis Koekkoek (Middelburg 1803–1862 Kleve) ein neues städtisches Museum eröffnet, das sich nicht mehr der römischen Archäologie, sondern der Kunst des Niederrheins widmete, mit Schwerpunkten auf der Kunst des Späten Mittelalters, der Kunst des Barock unter der Herrschaft des Fürsten Johann Moritz von Nassau-Siegen, und der Malerei der Klever Romantik um B.C. Koekkoek. Zwischen 1960 und 1980 entstand eine Museumssammlung, die sich auf diese Schwerpunkte konzentrierte. Die Malerschule der Klever Romantik wurde repräsentativ gesammelt. 1981 wurde die bedeutende Graphik-Sammlung Robert Angerhausen erworben. Nach 1980 wurde die Sammlungspolitik erweitert um Kunst der Gegenwart, ein Sammelgebiet, das dem Museum eine neue Perspektive bot und letztendlich als Brückenschlag zu dem neuen Museum im alten Kurhaus der Stadt fungierte. Entscheidend war die Erwerbung des Nachlasses des rheinischen Bildhauers Ewald Mataré (1887–1965) im Jahre 1988. In den neunziger Jahren wurde die Ausrichtung der Sammlung international und konnten, vor allem Dank der Unterstützung durch den Freundeskreis, die Kunststiftung NRW und das Kultusministerium des Landes NRW, bedeutende Werke für die Sammlung Gegenwartskunst erworben werden. Am 18. April 1997 wurde das neue Museum Kurhaus Kleve – Ewald Mataré-Sammlung eröffnet. Da das ehemalige Städtische Museum Haus Koekkoek im demselben Jahr in eine Stiftung verwandelt wurde, an der sich der Freundeskreis der Klever Museen, die Stadt Kleve und die NRW-Stiftung für Heimatschutz und Kulturpflege als Stifter beteiligten, hat das Museum Kurhaus die Sammlung von Malerei der Klever Romantik der Stiftung B.C. Koekkoek-Haus als Dauerleihgabe überlassen.