10 Apr. 2026

Giulia Andreani im Hamburger Bahnhof: „Sabotage“

Giulia Andreani zeigt im Hamburger Bahnhof Berlin „Sabotage“: Archive, Körper und Machtbilder in Paynesgrau. Alle Infos zu Tickets & Öffnungszeiten.

Manchmal ist es nicht das Motiv, das uns trifft, sondern die Anordnung. Ein Blick, der geführt wird. Ein Raum, der plötzlich wie ein Argument wirkt. Genau hier setzt Giulia Andreani im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart an: Ihre Ausstellung „Sabotage“ verknüpft Archivbilder, Körperpolitiken und Machtinszenierungen so präzise, dass man sich beim Sehen immer wieder dabei ertappt, die eigene Perspektive zu hinterfragen.

Wer zeitgenössische Malerei liebt, die nicht nur ästhetisch, sondern auch historisch und gesellschaftlich „arbeitet“, findet in Berlin eine der spannendsten Positionen dieses Jahres: Andreani malt in Paynesgrau – einem Ton, der an frühe Fotografie erinnert – und macht sichtbar, wie selektiv Erinnerung funktioniert, wie Bilder Autorität erzeugen und wie leicht sich Geschichte umschreiben lässt.

„Sabotage“ im Hamburger Bahnhof: Worum geht es?

„Sabotage“ ist Andreanis erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland und eröffnet zugleich das Jubiläumsprogramm „30 Jahre Hamburger Bahnhof“. Zu sehen sind 32 monochrome Gemälde sowie neue Glasskulpturen, die in einen Dialog mit Objekten aus verschiedenen Berliner Museumssammlungen treten – darunter Werke aus der Antikensammlung, dem Kunstgewerbemuseum, dem Museum Europäischer Kulturen und dem Kupferstichkabinett.

Der Titel ist dabei Programm: „Sabotage“ meint kein plattes Zerstören, sondern ein Unterlaufen – das bewusste Verschieben von Bedeutungen. Andreani nimmt historische Fotografien und Archivmaterial als Ausgangspunkt, montiert, wiederholt, verschiebt: Figuren aus unterschiedlichen Zeiten geraten in neue Nachbarschaften. So entstehen Bilder, die nicht „illustrieren“, sondern Widersprüche freilegen – in den Archiven ebenso wie in unseren Sehgewohnheiten.

Warum die Ausstellungsarchitektur den Blick lenkt

Ein zentrales Element der Präsentation ist die räumliche Dramaturgie. Die Ausstellung entfaltet sich über drei Räume und ist auf und um eine hölzerne Struktur angeordnet, die zugleich an ein Spielgerüst und an den Keilrahmen eines Gemäldes erinnert. Diese Konstruktion ist mehr als Display: Sie macht die Frage nach dem „Rahmen“ – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – körperlich erfahrbar.

Lose orientiert sich die Abfolge an Lebensphasen: Kindheit, Erwachsenenalter, Reife. Das klingt zunächst klassisch, fast museal – doch Andreani nutzt diese Struktur, um genau diese Ordnung zu irritieren. Denn was bedeutet „Kindheit“, wenn sie als Projektionsfläche für politische Fantasien dient? Was heißt „Reife“, wenn Geschichte nicht als Linie, sondern als Schichtung erscheint?

Brutkasten und Glas: Wenn Fürsorge zur Kontrolltechnik wird

Eines der eindrücklichsten Motive, das sich wie ein Knotenpunkt durch die Ausstellung lesen lässt, ist die Glasskulptur „Cianophilia“: In einem Inkubator präsentiert, zeigt sie eine gläserne Form, die an einen Fötus erinnert. Der Inkubator – Symbol für Schutz, medizinischen Fortschritt und Fürsorge – kippt hier in eine ambivalente Zone: Er steht ebenso für Kontrolle, Normierung und die Macht, über Körper zu verfügen.

Die Arbeit verweist auch auf die Geschichte der Glasherstellung auf Murano, die lange durch strenge Hierarchien geprägt war. Andreani verbindet damit Fragen nach geschlechtsspezifischen Strukturen – sowohl in handwerklichen Traditionen als auch in medizinischen Technologien. Das Ergebnis ist ein Bildraum, in dem man nicht nur „schaut“, sondern sich unweigerlich fragt: Wer schützt hier wen – und wer entscheidet darüber?

Diktatoren als Kinder: Das Unheimliche der Unschuld

Andreanis Malerei lebt von Spannungen – besonders dort, wo autoritäre Figuren nicht in ihrer bekannten Pose erscheinen, sondern in Momenten, die irritieren. Das Motiv „Diktatoren als Kinder“ trifft genau diesen Nerv: Die scheinbare Unschuld wird nicht verharmlost, sondern als verstörende Möglichkeit gezeigt. Kindheit erscheint als Bühne, auf der sich Machtfantasien, Erziehung, Ideologie und spätere Gewalt bereits andeuten können – ohne dass das Bild je in eindeutige Psychologisierung abrutscht.

Ein Beispiel aus den Ausstellungstexten verdeutlicht diese Strategie: Das Gemälde „Le Stratège“ (1945) zeigt einen Jungen mit direktem, festem Blick – ein Bild, das bürgerliche Kriegszeit-Ordnung und Ruhe inszeniert, aber zugleich eine fast taktische Kälte ausstrahlt. Andreani stellt damit die Frage, wie sehr Bilder von Kindheit bereits Rollen und Zukünfte entwerfen.

Polke im Hintergrund: Ein Hausgespenst wird zum Resonanzraum

Dass im Newsletter von „Polke im Hintergrund“ die Rede ist, ist nicht nur eine hübsche Referenz, sondern ein Schlüssel zum Verständnis der Ausstellung. Die Ausstellungsarchitektur verweist ausdrücklich auf Sigmar Polkes legendäre Hamburger-Bahnhof-Ausstellung „Drei Lügen der Malerei“ (1997). Damit wird Andreanis Projekt in eine Hausgeschichte eingeschrieben, in der Malerei immer auch als Behauptung, Trick und System verstanden wird.

Polke steht für eine Kunst, die Bildern misstraut – und genau dieses Misstrauen aktiviert Andreani neu. Ihre Malerei ist nicht „retro“, obwohl sie wie Fotografie aus einer anderen Zeit wirkt. Sie ist eine Gegenwartsarbeit, die fragt: Welche Bilder gelten als Beweis? Welche als Dekoration? Und wer entscheidet, was im Museum Vordergrund ist – und was als „Dahinter“ verschwindet?

Giulia Andreani: Malen mit Fotografien, Arbeiten mit Geschichte

Giulia Andreani (geb. 1985 in Mestre/bei Venedig, lebt und arbeitet in Paris) studierte Malerei an der Accademia di Belle Arti in Venedig und Kunstgeschichte der Gegenwart an der Sorbonne in Paris. Ihre Praxis wird häufig als „painting with photographs“ beschrieben: Sie sammelt Bildmaterial aus Bibliotheken, institutionellen Sammlungen, Familienalben und Filmstills – und übersetzt es in Malerei, die durch ihre Monochromie wie ein Filter wirkt.

Das fast ausschließliche Arbeiten mit Paynes Grey ist dabei nicht nur Stil, sondern Methode: Die Reduktion auf einen Ton lässt Epochen ineinander gleiten, als würden verschiedene Zeiten in einer gemeinsamen Dämmerung existieren. Gleichzeitig entstehen Leerstellen: Was Farbe sonst emotional „erklärt“, bleibt offen – und zwingt uns, genauer hinzusehen.

Praktische Infos: Öffnungszeiten, Tickets, Anfahrt, Barrierefreiheit

Ausstellungsdaten

  • Giulia Andreani: „Sabotage“
  • Laufzeit: 27. Februar 2026 bis 13. September 2026

Ort: Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, Invalidenstraße 50, 10557 BerlinOffizielle Ausstellungsseite: smb.museum – Giulia Andreani. Sabotage

Öffnungszeiten (Hamburger Bahnhof)

 

Montag: geschlossenDienstag: 10:00–18:00Mittwoch: 10:00–18:00Donnerstag: 10:00–20:00Freitag: 10:00–18:00Samstag: 11:00–18:00

Weitere Artikel