Wenn Mode zur Bühne für Ideen wird, beginnt sie zu leuchten: nicht nur als Handwerk, sondern als kulturelle Sprache. Genau hier setzt das Victoria and Albert Museum (V&A) in London an – mit einer Ausstellung, die Elsa Schiaparelli als radikale Erfinderin zwischen Haute Couture, Surrealismus und Kunst neu verortet. Wer sich für die Schnittstellen von Design, Avantgarde und Popkultur interessiert, findet in Schiaparelli: Fashion Becomes Art einen der spannendsten London-Termine des Jahres.
Eine Ikone zwischen Atelier und Avantgarde
Elsa Schiaparelli (1890–1973) war nie „nur“ Modedesignerin. Sie dachte in Bildern, Metaphern und Provokationen – und machte Kleidung zu einem Medium, das mit Humor, Intellekt und Lust am Irritationsmoment arbeitet. In den 1920er- und 1930er-Jahren, als Paris das Labor der Moderne war, entwickelte sie eine Handschrift, die bis heute nachwirkt: trompe-l’œil, überraschende Materialien, skulpturale Silhouetten und eine unverwechselbare Farbdramaturgie (man denke an das legendäre „Shocking Pink“).
Das V&A South Kensington widmet Schiaparelli nun die erste große UK-Ausstellung zur Designerin und zur Maison – und spannt dabei einen Bogen von den frühen, paradigmatischen Entwürfen bis zur Gegenwart unter Creative Director Daniel Roseberry.
„Schiaparelli: Fashion Becomes Art“ im V&A – worum es geht
Die Ausstellung in der Sainsbury Gallery ist als Reise durch Schiaparellis Welt konzipiert: Mode wird nicht isoliert gezeigt, sondern im Dialog mit Kunst, Fotografie, Objektkultur, Bühne und gesellschaftlichem Zeitgeist. Das ist besonders stimmig, weil Schiaparelli ihre Entwürfe oft als kollaborative Kunstwerke verstand – entstanden im Austausch mit Künstlern, Illustratoren, Bühnenbildnern und Fotografen.
Zu den Highlights gehören Stücke, die längst zu Ikonen der Modegeschichte geworden sind – und im Museum plötzlich greifbar nah wirken: nicht als Bild in einem Buch, sondern als dreidimensionales Objekt mit Nähten, Volumen, Gewicht und Aura.
Das Tannenzapfen-Halsband (Herbst 1938)
Ein Schmuckstück wie eine kleine Skulptur: Das Choker-Halsband aus der „Pagan“-Kollektion (Herbst 1938) zeigt, wie Schiaparelli Naturformen in symbolische, fast mythische Zeichen übersetzte. Der Tannenzapfen wird bei ihr nicht romantisch, sondern rätselhaft – ein Objekt, das zwischen Ornament und Fetisch oszilliert.
Das „Skeleton Dress“ – Mode als Körperphantasie
Das Skeleton Dress (1938) gehört zu den berühmtesten Beispielen dafür, wie Schiaparelli den Körper nicht nur kleidete, sondern konzeptuell „neu zeichnete“. In Zusammenarbeit mit Salvador Dalí entstanden Entwürfe, die mit Anatomie, Begehren und Unheimlichkeit spielen. Das Kleid wirkt wie eine Mode-Übersetzung surrealistischer Bildwelten: vertraut und verstörend zugleich.
Cocteau, Rosen und die Poesie der Oberfläche
Ein weiterer Höhepunkt ist das Abendmantel-/Jackenmotiv mit Jean Cocteau (1937): Cocteaus Linien werden zu Modegrafik, die sich über den Stoff legt wie eine Zeichnung auf Haut. Dazu kommt ein Rosen-Jackett, das die Grenze zwischen Couture und floraler Skulptur verwischt. Schiaparelli verstand Oberfläche nie als Dekoration – sondern als Bedeutungsträger.
Kunstfreunde im Ausstellungsraum: Picasso, Man Ray und Dalís Hummertelefon
Besonders reizvoll ist, dass das V&A die Modeobjekte in ein Umfeld stellt, das Schiaparellis Netzwerk sichtbar macht. Zu sehen sind unter anderem Werke ihrer Künstlerfreunde: Malerei von Pablo Picasso, eine Fotografie/Porträt von Man Ray sowie Dalís berühmtes „Lobster Telephone“ (1938). Dadurch wird klar: Schiaparelli arbeitete nicht „in der Nähe“ der Kunst – sie war Teil derselben kulturellen Bewegung, die die Grenzen zwischen Gattungen auflöste.
Auch die Fotografie spielt eine zentrale Rolle. Cecil Beaton fotografierte Schiaparellis Abendkleider 1936 für die Vogue – Bilder, die Mode nicht nur dokumentieren, sondern inszenieren. In der Ausstellung wird diese Bildmacht spürbar: Couture erscheint als performatives Ereignis, das ohne Kamera und Magazin kaum denkbar wäre.
Von der Zwischenkriegszeit bis heute: Die Maison Schiaparelli in der Gegenwart
Die Ausstellung bleibt nicht im historischen Glanz stehen. Sie zeigt auch, wie die Maison Schiaparelli den surrealistischen Esprit in die Haute Couture der Gegenwart übersetzt – mit dramatischen Silhouetten, skulpturalen Details und einem Gespür für das Bild, das um die Welt geht. Ein prägnantes Beispiel ist der Auftritt des Models Awar Odhiang in einer silbrig gefiederten Robe aus der Herbst-/Winterkollektion 2024: ein Look wie aus einer anderen Sphäre, der dennoch präzise Couture-Handarbeit ist.
Kunsthistorischer Kontext: Warum Schiaparelli für Surrealismus-Fans spannend ist
Wer Surrealismus vor allem mit Malerei verbindet, entdeckt hier eine andere Seite der Bewegung. Schiaparelli übertrug surrealistische Strategien – Verfremdung, Objektverschiebung, Traumlogik, Humor – in den Alltag und auf den Körper. Accessoires werden zu „Dingen mit doppeltem Boden“, Kleider zu Bildträgern, Schmuck zu Miniaturen des Unbewussten. Das V&A zeigt damit auch: Mode kann eine Form angewandter Avantgarde sein.
Praktische Infos für den Besuch
Ort
V&A South Kensington
Cromwell Road, London SW7 2RL
Ausstellungsort: The Sainsbury Gallery
Laufzeit
28. März bis 8. November 2026
Tickets & Buchung
Die Ausstellung ist ticketpflichtig. Als Richtwerte nennt das V&A £28 (Wochentag) und £30 (Wochenende); Ermäßigungen sind möglich, und V&A Members besuchen Ausstellungen in der Regel kostenfrei. Eine frühzeitige Reservierung wird empfohlen.
Offizielle Infos und Ticketbuchung: V&A – Schiaparelli: Fashion Becomes Art

